
»King Sorrow I« von Joe Hill
Übersetzt von Kristof Kurz und Stefanie Adam
Heyne, 2026, 592Seiten
ISBN 978-3-453-27578-2 / 24 Euro
Dass Joe Hill Stephen Kings Sohn ist, lässt sich bei King Sorrow I weder leugnen noch übersehen. Das Buch spielt in einer College-Kleinstadt in Maine, in der irgendwann das Böse vor der Tür steht. Es geht um eine Clique junger Leute, die Dinge tun, die sie besser nicht tun sollten. Das ist kein Hommage an den Vater, das ist die Fortsetzung der Familienmarke. Wer daher den Vater gerne liest, kann auch hier ohne zu Zögern zugreifen.
Vorzeigestudent Arthur Oakes und seine Clique finden militärische Aufzeichnungen über vermeindliche (oder echte?) Geisterbeschwörungen. Es ist Silvester, es wird viel getrunken und gekifft und die Clique kommt auf die grandiose Idee, doch einfach auch mal Etwas zu beschwören. Hier steckt nicht viel Überraschung drinnen, aber solides Handwerk mit Gänsehaut-Garantie. Und wenn der Protagonist, bevor das Böse ankommt, einen dunklen Mann durch den Schnee eilen sieht, weiss man, wo der Autor das Schreiben gelernt hat.
Das Böse in diesem Roman – kleiner Spioiler – ein Drache. Kein sprechender, funkelnder Beschützer m, sondern ein altes, hungriges Monster direkt aus den Tiefen der Dunkelheit. Eine schöne Abwechslung nach so vielen sexy Reittieren. Das Böse ist einfach nur böse, nicht missverstanden.
Nun zur kollektiven Intelligenz der Hauptfiguren. Man kann es nicht anders ausdrücken: Die Entscheidungen, die Arthur und seine Clique treffen, sind durchweg dumm. Nicht charmant oder tragisch dumm,sondern Horror-dumm, jene spezifische Variante von Unklugheit, die notwendig ist, damit die Geschichte überhaupt funktioniert. Aber das ist kein Vorwurf an Hill, er bedient sich hier schlichtweg Konventionen. Nur überraschend ist es nicht.
Wie es sich für den klassischen Kleinstadt-Horror gehört, spielt der Roman in einer Zeit vor dem Handy und dem Internet, nämlich in den frühe Neunziger. AOL existiert bereits, aber nur einer aus der Clique interessiert sich überhaupt für Dinge wie E-Mails oder mobile Telefone. Das gibt dem Roman genau den Retro-Charme, den man sich wünscht. Wie gesagt, Hill überlässt nichts dem Zufall. Die Segnungen der Technik halten erst später im Roman Einzug. Und werden, das muss man, faierweise sagen, dann immer so eingesetzt, dass der Horror damit verstärkt wird und nicht so, dass sie hilfreich wären.
King Sorrow I ist gute Unterhaltung. Nicht mehr und nicht weniger. Es will keine philosophischen Abgründe ausloten und keine literarischen Grenzen verschieben. Es will unterhalten, und das tut es mit der Selbstverständlichkeit eines Autors, der das Handwerk im Blut hat, oder eben in den Genen. Wer also einen verlässlichen Horrorroman sucht, der ist hier richtig.
Die deutsche Ausgabe teilt den Originalroman übrigens in zwei Bände auf. Das bedeutet, dass King Sorrow I mit rund 600 Seiten nicht abschließt, sondern mitten in der Geschichte stehen bleibt. Daher bitte auf zwei Bände einrichten. Auf jeden Fall viel Lesestoff für den Sommerurlaub. Ob Hill im zweiten Teil andere Wege geht oder im bewährten Fahrwasser bleibt, wird sich zeigen.
Wer das Buch kaufen möchte, das kann in unserem Shop passieren: https://www.phantastisch.net/produkt/king-sorrow/ (und wer noch kein Abo des Magazins phantastisch! hat, dem sei es wärmstens empfohlen).